Der Photogrammist Heinrich Heidersberger

von Harro Siegel, 1957

Die Arbeiten des Braunschweiger Lichtbildners Heinrich Heidersberger schaffen, nach einem Wort Jean Cocteaus, die "Photographie des Unsichtbaren". Der Künstler selbst, der als Maler begann und ein Schüler Fernand Légers war, nennt diese Schöpfungen Photogramme oder Rhythmographien.

Beim Lesen dieser Betrachtung lasse man seine Augen immer wieder den Lichtlinien der hier abgebildeten Rhythmogramme Heinrich Heidersbergers folgen. Von ihnen ist gesagt worden, sie ständen an jenem Treffpunkt zwischen Kunst und Mathematik, der für viele moderne Künstler entscheidend sei. In der Tat befinden sich diese Gebilde im gleichen Raum, atmen die gleiche Lebensluft wie viele Hervorbringungen zeitgenössischer bildender Kunst. Wie diese gleichen sie einer ihrer Entzifferung harrenden Bilderschrift oder Hieroglyphen, zu denen uns gleichsam der Stein von La Rosetta noch fehlt. Wie diese scheinen sie gleichzeitig auf uns zuzukommen und sich von uns zu entfernen, sie sind klar und doch geheimnisvoll, wirken berechenbar und doch ausweichend.

Moderne Künstler, wenn ihnen Naturferne vorgeworfen wurde, haben wohl erwidert, sie schafften nicht nach der Natur, sondern wie die Natur, sie vollzögen nur was ohnehin "geschieht". - Ahnungsvoll und fasziniert erblicken wir in der Natur rhythmische Entfaltungen, Bewegungen, Wallungen, Schwünge: im Fall und Strahl und Strom und Strudel des Wassers, im Wellenschlag, im Kreisen des Sandes im Winde, im Tanz herbstlicher Blätter, im Flug der Möwen, in Starenund Taubenschwärmen, im Flackern des Feuers, im Steigen und Wirbeln des Rauches. Das alles ist in ständiger Bewegung, vergeht im Entstehen, entsteht im Vergehen, nicht zu greifen, nicht festzuhalten.

Wir empfinden in leisem körperlich-geistigem Rausch die Ausgewogenheit, den Rhythmus, die Spannung, Wechsel, Regel oder Überraschung in diesen Linien und Kurven. Mit besonderer Beglückung gewahren wir es, wenn dieses Flüchtige und Vergängliche sich für eine Weile oder für dauernd selbst aufzeichnet: etwa in den Kreisbögen, die die Spitzen des vom Winde gebeugten und hin und her bewegten Strandhafers im Dünensande hinterlassen; auch in den Auswaschungen, die das Wasser in die Klippen der Meeresküste oder das Felsgestein eines Bachbettes eingrub. Solchen Kurven und Lineamenten mit dem Auge zu folgen ist dem Menschen Lust; erst recht, ähnliche Kreise und Linienverschlingungen mit der Hand hervorzuhringen, vom Kritzelbild bis zur ausgeschriebenen Schrift und zum kalligraphischen Schnörkel und Gespinst; oder etwa mit dem Schlittschuh die eigene Spur weiß auf schwarzes Eis zu zeichnen.-Und nun ist in diesen Lichtbildern der Physik gleichsam ein Zeichenstift in die Hand gedrückt worden, mit dem sie Bewegungen, Kurven, Schwingungen aufzeichnen kann.

Es sind übrigens keineswegs nur die modernen Künstler, in deren geistiger Welt solche Lichtzeichnungen beheimatet erscheinen. Sie hätten schon einen Leonardo gefesselt, der in seinem Traktat von der Malerei empfiehlt, im Spiel des Wassers, der Flamme, der Wolken, des Rauches, in den Flecken auf altem Gemäuer nach Form und Figur Ausschau zu halten. Die kalligraphischen Schnörkel auf den Zeichnungen alter Meister, besonders die des Altrecht Dürer im Gebetbuch für Kaiser Maximilian, lassen uns glauben, daß er mit Begeisterung diese Technik ergriffen und am Ende einer neuen Ausdehnung seines viel gedeuteten Satzes zugestimmt hätte: "Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur mitten inne; wer sie heraus kann reissen, der hat sie." Auch die Schreibmeister des 16., 17. und 18.Jahrhunderts wären beglückt gewesen und hätten solche Lichtschreibereien zum Ausgangspunkt für Ausschmückungen und Umrahmungen ihrer Schreibbücher, Adressen und Urkunden genommen, wie auch bis zum heutigen Tage die Erfinder der Guillochen auf Banknoten und Aktenbriefen.

Kunst? Das Phänomen liegt eher an der Schwelle zur Kunst - wie jene Linien und Kurven und Niederschriften der Natur. - In der Natur, als Physik betrachtet, und so weit in solcher Betrachtung neben Tabelle und Zahl auch graphische Darstellungen, also "Figuren", zur "Feststellung" verwendet werden, treten oft Gebilde auf, die neben ihrem wissenschaftlichen Aussagewert einen visuellen Reiz besitzen, der uns seltsam anrührt; ursprünglich nur für den Kopf gemeint, bemächtigen sie sich des Sonnengeflechtes, so wie uns einst in der Schule das stumme Kurven-Arrangement des sich im Kraftfeld des Magneten ordnenden Eisenstaubes bezauberte.

Rhythmogramme sind in optische Sprache übersetzte Schwingungen. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangen die ersten Versuche, Pendelschwingungen in graphischen Linien festzuhalten: es entstanden die sogenannten Lissajouschen Figuren. - ln unseren Tagen tauchen diese Dinge wieder aus halber Vergessenheit auf, sie liegen in der Luft und werden von künstlerisch bewegten Photographen und Graphikern gewittert und aufgegriffen, wobei sich die Frage nach der Priorität durchaus erübrigt. Wir nennen Peter Keetmans (Prien), Professor Alfred Gysi (Zürich), Hans Schleger (London). Als Meister von hohen Graden tritt zu ihnen Heinrich Heidersberger (Braunschweig).

In der im Jahre 1955 in Wolfenbüttel eröffneten neuen Ingenieurschule tritt der Besucher in der Eingangshalle auf eine große, leporelloartig gewinkelte Wand zu, die in abgewogener rhythmischer Anordnung große technische Photos von Heinrich Heidersberger zeigt: Maschinenteile, Molekülmodelle, elektrische Entladungen und Rhythmogramme, die in nächtelangem Grübeln, Basteln, Experimentieren, Verfeinern, in seiner Werkstatt im Braunschweiger Gewerkschaftshaus (dieses wie auch die Wolfenbütteler Ingenieurschule erbaut von den Architekten Bartels und Schweitzer, wachsamen Baumeistern, die den Finger am Puls der Zeit haben) entwickelt wurden. Besuche in dieser modernen Alchimistenküche sind eine immer neue Freude: in Heinrich Heidersberger haben wir in Braunschweig so etwas wie ein magisches Auge für die geheimen Aspekte unserer Stadt.

Mit ihm erkennen wir dieses alte, zerschlagene, rauchgeschwärzte und wieder mächtig sich regende und wirtschaftende Gemeinwesen als ein höchst eigenartiges Gebilde, in dem die Kraftlinien von Nord nach Süd, Ost nach West sich schneiden. Wir erfahren, daß das geschichtliche, architektonische, wirtschafliche, optische Abenteuer hier unmittelbar um und vor uns liegt, ein durchaus europäischer Aspekt. Neben diesen Bildnissen einer Stadt, neben Porträt, Akt, photographiertem Metall, Keramik, Glas, Maschinen, neben Presseund Werbephoto werden mit Bienenfleiß diese Rhythmogramme aus der Retorte gezaubert mit Hilfe einer Begabungsbündelung aus künstlerischer Sensitilität, feinmechanischem Geschick und technischer Experimentier- und Entdeckerfreude.

Auch eine Lehrwerkstatt von hoher Qualität haben wir hier zur Verfügung; was Heinrich Heidersberger in bajuwarisch raunzender Bonhomie seiner vorgelebten und vorgemachten Arbeit an Erklärungen beigibt, das schafft ein gutes Klima der Kunst und Handwerkserziehung. Dabei fallen, unser Thema betreffend, z.B. solche Aussprüche wie: "Diese Rhythmographien sind keine Kunst; sie sind ein Phänomen, das dorther kommt, wo die Ästhetik herkommt."

Die photographischen Mittel werden zum graphischen Werkzeug: Kamera, Pendel, Lichtpunkt, mehrere Pendel kardanisch aneinandergehängt. Auch die Kamera kreist, pendelt, schwankt rhythmisch. So gewinnen wir, wie Jean Cocteau beim Anblick dieser Bildreihe Heidersbergers begeistert rief, nichts anderes als - die Photographie des Unsichtbaren! Cocteau kaufte und schenkte ein halbes Dutzend davon Pablo Picasso zum Geburtstag.-In zweckfreiem Spiel wird der Vollzug der Linie photographisch festgehalten; sie schreibt im schnellen Gleiten zarte Haarstriche, im Zögern breite Grundstriche, an- und abschwellend, durch Überlagerung sich verdickend, zu Flächen verbreiternd, und bildet Kurven, Schleifen, Umkehrungen, Knickungen, Stockungen, Knoten, Netze, Gespinste; es zeigt sich ein Über- und Hintereinander, es entstehen körperliche Gebilde, so als hätte der Lichtpunkt wie eine ätherische Fräse aus der Atmosphäre ein plastisches Etwas herausgeschnitten  ein Etwas, das bald aussieht wie eine Drahtplastik, bald wie die stehengebliebenen Adern und Rippen vermoderter, gekrümmter Blätter- bald wie ein im schwirrenden Flug festgehaltener Schmetterling oder besser wie die Idee eines Schmetterlings, die Idee einer Blüte; als hätten Mücken beim Spiel in der Sonne Spuren hinterlassen oder Fliegen beim Tanz unter der Zimmerdecke; doch auch dämmernde Erinnerungen an Lebewesen tropischer Gewässer treten heran, Schnecke, Muschel, Tang, Pflanzentier, Meduse, Qualle, Koralle . . .

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