Anstelle einer Monographie: Lebenslauf und Andeutungen zum Werk

von Rolf Sachsse, 1986

Anfänge
Heinrich Heidersberger wurde am 10. Juni 1906 in Ingolstadt geboren.

Aufgewachsen ist er in Linz an der Donau. Einer wenig bewußten, weil familiär kaum geförderten Neigung zur Verbindung von Kunst und Technik folgend, studierte Heinrich Heidersberger zunächst Architektur in Graz. Ihm lagen schon damals die künstlerischen Fächer dieser Ausbildung mehr als das gebundene Zeichnen, die Mathematik und die Baustatik; und seine ersten Gehversuche in der bildenden Kunst, vorzugsweise der Malerei, ermutigten ihn, nach Paris zu gehen. Dort schrieb er sich 1928 in Fernand Légers privater Kunstschule ein und mietete sich ein kleines Atelier.

In Paris hat Heinrich Heidersberger drei Jahre lang gelebt und empfing dort wesentliche Eindrücke, die ihn für den weiteren Lebensweg prägten. An der Kunstschule sicher nicht allzu sehr gefordert - wie in allen privaten Kunstschulen waren die Klassen groß und der Meister selten anwesend - hat Heinrich Heidersberger nach eigenem Bekunden "als Maler alles Mögliche ausprobiert". Die stärksten Einflüsse gingen für ihn von der "pittura metafisica" und vom Surrealismus aus, dessen Protagonisten damals alle in Paris lebten und ihm weitgehend bekannt waren. Dies umso mehr, als ein Atelier-Kompagnon eine deutsche Übersetzung von Lautréamonts "Les Chants de Maldorodor" vorbereitete, einem Basiswerk präsurrealistischer Lyrik und selbst ein Stück zwischen den Sprachen. Begegnungen mit großen Künstlern waren für Heidersberger auch in Paris rar und, wie er sich selbst erinnerte, "dem Anekdotischen zuzuordnen"; man traf sich halt in den großen Cafés und oder den Ateliers. Mit Yves Tanguy war er immerhin befreundet, mit Piet Mondrian gut bekannt, aber der größte Einfluß für die eigene Kunst ging von Giorgio de Chirico aus.

Medium Photographie
Jeder Maler der Zwanziger Jahre mußte, wollte er seine Bilder ausstellen oder verkaufen, Reproduktionen als Druckvorlagen für Kataloge oder zur Aquisition bei neuen Galerien besitzen. Heinrich Heidersberger besorgte sich auf dem Flohmarkt eine alte Holzkamera, dazu in einem Warenhaus die Platten und Chemikalien. Ein erster, völlig fehlgeschlagener Versuch, die belichteten Platten von einem Händler entwickeln zu lassen, bewog ihn, sich auch noch diese Fähigkeit anzueignen. Auf diese Weise entdeckte er das Medium Photographie, das sich durch die Anfertigung technischer Aufnahmen für andere obendrein als vernünftige Erwerbsquelle erweisen sollte.

Für die Malerei war Heinrich Heidersberger damit erst einmal verloren. Er besuchte Photoausstellungen und setzte sich intensiv mit den Arbeiten französischer Photographen auseinander, natürlich auch mit dem amerikanischen Malerphotographen Man Ray. Der Film faszinierte Heidersberger ebenso wie die Photographie; hier wurde Luis Buñuel zum bewunderten Vorbild - nie erreichbar, daher wurden die eigenen Versuche auch bald abgebrochen.

1931 hatte die weltweite Wirtschaftskrise auch das Leben in Paris schwierig gemacht. Heinrich Heidersberger hatte wohl genug gesehen, ihn zog es zu neuen Ufern. Er kaufte sich eine Kleinbildkamera und begann alles zu photographieren, was ihm vor das Objektiv kam. Ein photographisches Bohèmeleben führte ihn vorerst zurück nach Linz, wo er mit einem Dichterfreund ein literarisches Kabarett gründete, dann nach Den Haag, da es dorthin einige Bekannte aus der Montparnasse-Zeit verschlagen hatte, und schließlich nach Kopenhagen zum dänischen Pflegevater und künstlerischen Förderer seit der Jugendzeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ende 1936 ging Heinrich Heidersberger trotz vieler Bedenken nach Deutschland zurück, um die Staatsangehörigkeit nicht zu verlieren. Er ließ sich in Berlin nieder, bot seine Bilder und Serien verschiedenen Illustrierten und Agenturen an; außerdem veröffentlichte er regelmäßig im jährlichen Bildband "Photographies" der Zeitschrift "Arts et Metiers Graphiques" sowie in anderen Bildersammlungen.

Moderne unterm Hakenkreuz
Als Heinrich Heidersberger 1937 in der Siedlung Leegebruch nördlich von Berlin für die Bildhauerin Hilde Broër Hauszeichen photographierte, ergab sich ein Kontakt zum Architekten des Wohngebiets, Herbert Rimpl. Der ehemalige Assistent von Hitlers Hausarchitekt Albert Speer hatte soeben die Planung und Bauleitung für das Flugzeugwerk Oranienburg von Ernst Heinkel übernommen. Auch diese Siedlung gehörte dazu, und nach Ansicht der Aufnahmen für Frau Broër beauftragte Rimpl Heidersberger mit der gesamten photographischen Dokumentation aller Fabrikbauten und Siedlungsanlagen für ein Buch, das noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erschien [Herrmann Mäckler, Ein deutsches Flugzeugwerk. Die Heinkel-Werke Oranienburg. Architekt Herbert Rimpl, Berlin : Wiking Verlag o.J. (1940)].

Damit war Heinrich Heidersberger nicht nur zu den Anfängen seiner Ausbildung zurückgekehrt, sondern es wurde auch sein bis heute legendärer Ruf als Architekturphotograph begründet. Stilistisch waren ihm kompositionell perfekte Bilder wichtiger als eine detailreiche Wiedergabe aller Gebäudeteile. Seine Aufnahmen vermittelten vom Flugzeugwerk wie von allen späteren Bauten immer mehr als nur eine Ansicht. Dieser erste Auftrag ist aber nicht nur ein persönlicher Glücksfall, sondern für die ganze Arbeit und die spätere Rezeption Heidersbergers symptomatisch: Rimpls Büro für Industriearchitektur galt von 1946 an als der einzige Hort der architektonischen Moderne in der Nazi-Zeit - und alle Beschreibungen der Arbeit dieses Büros lesen sich wie Interpretationen Heidersbergerscher Photographien [Winfried Nerdinger, Bauhaus-Archiv (Hg.), Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus, Zwischen Anbiederung und Verfolgung, München : Prestel Verlag 1993].

Zwei Kunstgriffe kennzeichnen Heinrich Heidersbergers frühe Architekturphotographien: ein durch Rotfilterung oder Infrarotaufnahme dunkelgrau bis schwarz erscheinender Himmel und eine unklare Tiefenstaffelung. Durch den ersten Trick blenden weiße Fassaden die BetrachterInnen, wegen des zweiten lassen sich die Raumbezüge nur schwer nachvollziehen. Beide Kniffe lassen sich als Bestandteil von Stilmitteln auf den großen Eindruck zurückführen, den Giorgio de Chirico mit seinen metaphysischen Landschaften auf den Photographen gemacht hatte.

Für eine Kriegsteilnahme war Heinrich Heidersberger 1939 schon zu alt; er wurde in den "Stahlwerken Braunschweig", die als rüstungstechnisch wichtig galten, als Industriephotograph eingesetzt. Hier hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Zeit und Ruhe genug, um sich systematisch alle photographischen Techniken anzueignen oder, wie er selbst sagte, "die Photographie richtig zu erlernen". Wichtiger als dies war ihm jedoch der Kontakt zu den französischen Zwangsarbeitern im Werk, die ihm in Gesprächen das Neueste aus der Pariser Kunst- und Kulturszene vermitteln konnten. Mit einem von ihnen verband ihn lebenslange Freundschaft. wollen.

Poet mit der Kamera
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Heinrich Heidersberger in Braunschweig, arbeitete für kurze Zeit als Dolmetscher, danach als Portraitist britischer Besatzungssoldaten, aber auch als Photograph des alliierten Truppen-Theaters und -Balletts. Bis weit in die fünfziger Jahre hinein wurde die bildjournalistische Arbeit zum Hauptberuf; für "Stern" und "Merian" entstanden Auftragsreportagen oder freie Arbeitszyklen, die nach Abschluß en bloc verkauft wurden. Erst ab etwa 1953 wurden die Architekten der "Braunschweiger Schule" um Friedrich Wilhelm Kraemer erfolgreiche Protagonisten des Wiederaufbaus der Bundesrepublik, und Heinrich Heidersberger wurde ihr photographischer Interpret. Seine nunmehr sehr ausgearbeiteten, in Lichtführung und Bildaufbau perfekten Architekturphotographien hatten zwar nicht mehr den tiefschwarzen Himmel und verschliffenen Perspektive der früheren Bilder; sie entsprachen damit aber auch mehr der (heute eher vielgescholtenen) Nüchternheit der Bauten dieser Generation.

1950 sollte Heinrich Heidersberger das Foyer der Ingenieurschule Wolfenbüttel mit einem Paravent schmücken, der photographisch die dort gelehrten Fachrichtungen darzustellen hatte; der Auftrag weitete sich schnell zu einem neuen Arbeitsgebiet aus. Zunächst löste Heidersberger diese Aufgabe mit Hilfe wissenschaftlicher Photographien, die nicht der exakten Durchmessung, sondern einem abstrakten Formvokabular dienten. Als Symbol für die damalige Hochfrequenztechnik - aus der sich heutige Medientechnologien entwickeln sollten, was damals höchstens erahnt wurde - wählte er Schwingungsfiguren, die er in einem physikalischen Lehrbuch gefunden hatte; benannt sind sie nach einem Mathematiker des 18. Jahrhunderts: Lissajous-Figuren. Die mechanische Erzeugung solcher Figuren begann Heidersberger zu interessieren; er erprobte sie nun systematisch und baute sich eine "Rhythmogramm-Maschine", die es ihm erlaubte, sämtliche Schwingungsbewegungen exakt wiederholbar zu erzeugen. Am Ende schwingender Teile ist eine Glühlampe befestigt, deren Leuchtspur in einem dunklen Raum mit stehender Kamera aufgenommen wird. Die so entstandenen Bilder nannte Heinrich Heidersberger "Rhythmogramme".

Diese Bilder waren - ab Mitte der fünfziger Jahre - auf der Höhe ihrer Zeit. Neben Heidersberger arbeiteten Peter Keetman und Oskar Kreisel mit diesen Figuren [Ausstellungskatalog: Struktur und Geste, Aachen 1988] [Peter Keetman, Struktur und Bewegung, Amsterdam 1996]. Die Nähe dieser Bilder zu Zeichenformen abstrakter Kunst nach dem Informel war ebenso sichtbar wie die Systematik ihrer Entstehung, was sie dem wiederauferstandenen Konstruktivismus nahebrachte. In einem kurzen Text kommentierte Jean Cocteau ganz freundlich: "Die bewundernswerten Rhythmogramme von Heidersberger sind ein Beweis dafür, daß der Zufall für die Poeten nicht existiert, oder besser, daß sie ihm einen anderen Namen geben. Die Verbindung von Mensch und Maschine scheint mir ein Merkmal unserer Zeit." Der so Geehrte bedankte sich mit einem zeit- und cocteau-gemäßen Bild surreal wirkender Theaterkulissenteile eines südfranzösischen Antiquitätenhändlers.

Der Bastler
1961 zog Heinrich Heidersberger von Braunschweig nach Wolfsburg um, wo er bis heute im Schloß Atelier und Labor, Werkstatt und Archiv hat. Hier hatte er seine Rhythmogramm-Maschine stehen, hier war in der alten Schloßküche eines seiner Labors untergebracht, wo er in selbstgebauten Entwicklungsmaschinen und auf ebensolchen Schalenbewegern seine Negative und Positive ausarbeitete. Von Giorgio de Chirico stammt der unendliche böse Satz, daß alle Künstler nach ihm höchsten "geniale Bastler" sein könnten; seinen photographischen Adepten ficht dies nicht weiter an. Heinrich Heidersberger hat durch seinen Lebensweg, wie einige andere Künstler seiner Generation, exemplarisch aufgezeigt, daß die Kunst im Suchen und Finden von Lösungen zu gegebenen Problemen besteht. Die Kunst beschränkt sich nicht in der Entscheidung für ein Medium, einen Stil, ein weithin erkennbares Markenzeichen, sondern ist ein Wagnis immer neuer Lösungen, ein Stellen und (jeweils vorläufiges) Beantworten fundamentaler Lebensfragen. Heinrich Heidersberger ist bereits durch den Entwurf seiner Arbeit als jener Künstler ausgewiesen, deren Arbeit im gesamten Herstellungsprozeß eines Werks liegt und nicht erst im Resultat - das dann womöglich noch als ewig haltbares Objekt sich selbst musealisiert. Damit erweist er sich als Moderner, als echter Avantgardist - und mehr kann man im 20. Jahrhundert nicht werden.

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